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80 Jahre nach Flucht und Vertreibung der Deutschen im Kontext des Zweiten Weltkrieges: Historische Bilanzen im Lichte neuer Gewaltmigration

Hessischer Landtag war zwei Tage lang Ort für historische Bilanz und aktuellen Dialog

Fachtagung unter Schirmherrschaft von Landtagspräsidentin Astrid Wallmann bringt Wissenschaft, Politik, Zivilgesellschaft und drei hessische Schulklassen zusammen

Mit rund zwei vollen Konferenztagen, hochkarätig besetzten Podien und einer bemerkenswerten Beteiligung junger Menschen ist am 17. September 2026 im Hessischen Landtag in Wiesbaden die Fachtagung „80 Jahre nach Flucht und Vertreibung der Deutschen im Kontext des Zweiten Weltkrieges: Historische Bilanzen im Lichte neuer Gewaltmigration“ zu Ende gegangen. Veranstaltet wurde sie von der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen (ZgV) in Kooperation mit der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung und unter der Schirmherrschaft der Präsidentin des Hessischen Landtages, Astrid Wallmann. Rund 80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges beleuchtete die Tagung das Schicksal der etwa 15 Millionen Deutschen, die infolge von Flucht, Vertreibung und Zwangsumsiedlung ihre Heimat in Mittel-, Ost- und Südosteuropa verloren – und stellte zugleich den Bezug zur Gegenwart her, in der weltweit erneut Millionen Menschen von Gewaltmigration betroffen sind.


Zur Eröffnung erinnerte Landtagspräsidentin Astrid Wallmann an die Aufbauphase des jungen Landes Hessen vor 80 Jahren und an das Integrationsversprechen des früheren Ministerpräsidenten Georg-August Zinn:

„Hesse ist, wer Hesse sein will.“

Zinn habe dazu aufgerufen, sich mit den eigenen Traditionen, Bräuchen und Erfahrungen einzubringen, damit aus dieser Vielfalt etwas gemeinsam Neues wachsen könne, so Wallmann. Die hessische Landespolitik habe damit früh einen wichtigen Grundstein für die Aufnahme der Flüchtlinge und Vertriebenen als neue Mitbürgerinnen und Mitbürger gelegt.

„Die Erfahrungen der Entwurzelung, des Verlustes und des schwierigen Neubeginns in der Fremde sind fester Bestandteil des kollektiven Gedächtnisses und prägen Familien über Generationen hinweg.“

Als Schirmherrin der Tagung unterstrich sie damit, wie eng die Geschichte von Flucht und Vertreibung mit der hessischen Identität verwoben ist.

Hessen als Land des gelungenen Neuanfangs

Mehrere Rednerinnen und Redner hoben die besondere Bedeutung Hessens für die Geschichte der Heimatvertriebenen hervor. Der Beauftragte der Hessischen Landesregierung für Heimatvertriebene und Spätaussiedler, Landtagsabgeordneter Andreas Hofmeister, zog in seiner Keynote am zweiten Tagungstag eine positive Bilanz:

„Die Aufnahme der Heimatvertriebenen und Spätaussiedler kann in der Bilanz als große Erfolgsgeschichte gewertet werden und ist Teil der hessischen Identität. Daraus erwächst auch die Verantwortung, das Bewusstsein für das kulturelle Erbe sowie Schicksal und Leistungen von Heimatvertriebenen und Spätaussiedlern zu erhalten und wo möglich zu schärfen.“

Wie konkret dieser Beitrag zum Aufbau Hessens war, machte auch Hessens Innenminister Prof. Dr. Roman Poseck beim Abendempfang am ersten Tagungstag deutlich. Viele Heimatvertriebene hätten unter schwierigsten Bedingungen eine neue Existenz aufgebaut und zugleich entscheidend am wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Wiederaufbau des Landes mitgewirkt – etwa im Musikinstrumentenbau in Nauheim bei Groß-Gerau, in der Kunstblumenherstellung in Trutzhain oder in der Glaserzeugung in Stadtallendorf. „Ihre Aufbauleistung verdient bis heute unsere Anerkennung“, so Poseck. Genau diesem Zusammenspiel aus historischer Aufarbeitung, politischer Bildung und individuellen Integrationsgeschichten widmete sich auch das dritte Panel der Tagung unter dem Titel „Ankommen in Hessen: Integration zwischen Politik und individuellen Schicksalen“, in dem unter anderem der Geschäftsführer des Lern- und Erinnerungsortes Notaufnahmelager Gießen, Dr. Florian Greiner, sowie die von der Justus-Liebig-Universität Gießen angereiste Doktorandin Xenia Fink die Perspektive von Politik und individuellen Schicksalen wissenschaftlich vertieften.

Historische Aufarbeitung trifft auf aktuelle Weltlage

Der Vorsitzende der Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen, der frühere hessische Innenminister Peter Beuth, erläuterte in seiner Begrüßung den Untertitel der Tagung, „Historische Bilanzen im Lichte neuer Gewaltmigration“, und lenkte den Blick auf den seit bald fünf Jahren andauernden russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine:

„Wer die Geschichte von Flucht und Vertreibung ernst nimmt, der lernt daraus etwas für die Gegenwart. Das Thema Flucht und Vertreibung ist nicht Geschichte. Es ist Gegenwart und somit hochaktuell.“

Beuth verwies darauf, dass weltweit derzeit über 117 Millionen Menschen auf der Flucht seien, und ordnete den Krieg in der Ukraine unmissverständlich ein: „Es ist Russland, das diesen Krieg begonnen hat. Es ist die Ukraine, die sich verteidigt – für ihr Land, für ihre Freiheit, für ihre Selbstbestimmung.“ Deutschland und Hessen stünden an der Seite der Ukraine, da sie auch für die eigenen demokratischen Werte und die europäische Friedensordnung kämpfe.

Auch der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Dr. Bernd Fabritius, machte in seinem Beitrag im vierten Panel zu Räumen und Formen nationalen Gedenkens deutlich, dass die Auseinandersetzung mit Flucht und Vertreibung eine hochaktuelle demokratiepolitische Dimension hat:

„Wir erleben weltweit den Versuch, Geschichte zu instrumentalisieren. Das Erstarken autoritärer und neoimperialer Systeme ist verbunden mit hybrider Kriegsführung und gezielter Desinformation in den sozialen Medien. Dem setzen wir eine starke und um Wahrhaftigkeit bestrebte Erinnerungskultur entgegen, die unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt stärkt.“

Deutschland nehme damit einen zutiefst demokratischen Bildungsauftrag wahr und setze, so Fabritius, „ein unübersehbares Zeichen für eine klare Werteorientierung – abseits von Nationalismus, Hass, Hetze und Fremdenfeindlichkeit.“

Wissenschaft, Kultur und Politik hochrangig vertreten

Über zwei Tage hinweg boten vier thematisch aufeinander aufbauende Panels ein dichtes, interdisziplinäres Programm. Nach den einführenden Keynotes von Prof. Dr. Manfred Kittel (Tagungsleitung) und Prof. Dr. Christian Hillgruber (Universität Bonn) zu Ursachen, Ablauf und völkerrechtlicher Einordnung der Vertreibung sprachen im ersten Panel unter Prof. Dr. Ágnes Tóth (ELTE Budapest), Dr. Petr Koura (Karls-Universität Prag) und Edwin Warkentin (Museum für Russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold) zur Vertreibung der deutschen Minderheiten in den einzelnen Herkunftsregionen.

Das zweite Panel widmete sich unter Moderation des Journalisten Thomas Kreutzmann dem Spannungsbogen zwischen historischer Erfahrung und gegenwärtiger Gewaltmigration als Herausforderung für Völkerrecht und internationale Ordnung. Neben der Keynote von Michael Roth, Staatsminister a. D. und ehemaligem Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages, diskutierten der Stiftungsvorsitzende Peter Beuth, Prof. Dr. Ulrich Schlie (Center for Advanced Security, Strategic and Integration Studies, Universität Bonn), Klaus-Peter Wilsch MdB (Vorsitzender der Gruppe der Vertriebenen, Aussiedler und deutschen Minderheiten der CDU/CSU-Bundestagsfraktion) sowie Lara Klaes MdL (Sprecherin der Bündnis 90/Die Grünen-Fraktion im Hessischen Landtag für Rechtspolitik, Demokratieförderung, Extremismusprävention und Flucht) angeregt über Ursachen und aktuelle politische Konsequenzen von Flucht, Migration und Integration.

Im vierten Panel zu Erinnerungskultur und öffentlicher Sichtbarkeit rundeten unter anderem der Publizist Jochen Buchsteiner (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung), Gunter Dehnert (Kulturzentrum Ostpreußen, Ellingen), Dr. Christian Hardinghaus, Dr. Ruth Slenczka (Pommersches Landesmuseum Greifswald) und Dr. Peter Quadflieg (Stadtarchiv Wiesbaden) die Tagung ab. Das wissenschaftliche Resümee zog Tagungsleiter Prof. Dr. Manfred Kittel, das Schlusswort sprach Stiftungsvorsitzender Peter Beuth.

Junge Generation im Fokus: Drei Oberstufenklassen zu Gast

Ein besonderes Anliegen der Fachtagung war die Einbindung junger Menschen. Als Gäste nahmen Geschichtskurse der Oberstufe des Römerhof-Gymnasiums Frankfurt am Main, der Diltheyschule Wiesbaden und der Leibnizschule Wiesbaden teil. Mehrere der anwesenden Politikerinnen und Politiker richteten einen ausdrücklichen Appell an die jungen Gäste, sich mit der Geschichte von Flucht und Vertreibung auseinanderzusetzen und die Erinnerung daran für kommende Generationen wachzuhalten – gerade weil die Zahl der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die selbst noch berichten können, stetig abnimmt.

Die Tagung wurde damit sinnbildlich für das zentrale Anliegen, das die Veranstalter mit ihr verbinden: Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung kann nur bewahrt werden, wenn Generationen, gesellschaftliche Bereiche und staatliche Ebenen gemeinsam und koordiniert daran arbeiten. Wissenschaft, Politik, Verwaltung, Kultur, Vertriebenenverbände, Zeitzeuginnen und Zeitzeugen sowie die junge Generation waren in Wiesbaden gleichermaßen vertreten – ein Ausdruck dafür, dass die Pflege dieser Erinnerung eine kollektive Verantwortung aller bleibt.

Kultureller Abschluss und Förderung der Tagung

Einen besonderen Akzent setzte der Abendempfang am Ende des ersten Tagungstages, bei dem neben Grußworten von Peter Beuth, Prof. Dr. Roman Poseck auch der Chor „Rjabinuschki & Kalyna“ aus Rotenburg an der Fulda auftrat. Die musikalische Einlage wurde durch Projektmittel des Hessischen Ministeriums des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz ermöglicht.

Die gesamte Fachtagung wurde in Kooperation mit der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung ausgerichtet und aus deren Mitteln gefördert. Die Stiftung Zentrum gegen Vertreibungen dankt allen Förderern und Unterstützern der Veranstaltung, allen voran der Schirmherrin Astrid Wallmann, dem Hessischen Ministerium des Innern, für Sicherheit und Heimatschutz sowie der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung. Ein herzlicher Dank gilt zudem allen Referentinnen und Referenten aus dem In- und Ausland sowie allen Gästen aus Politik, Verwaltung, Wissenschaft, den Vertriebenenverbänden und der Zivilgesellschaft für ihr Kommen und ihr Engagement.

 

 

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