Nr. 128: Erlebnisse und Vorgänge beim Einmarsch der russischen Truppen in Löwenberg und bei der zwangsweisen Räumung der Stadt zum Arbeitseinsatz der Bevölkerung im rückwärtigen Frontgebiet.

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Erlebnisbericht von Frau Hedwig Rosemann aus B r e s l a u.

Original, 13. Februar 1952, 16 Seiten. Teilabdruck.

Wir sind Breslauer und mußten unsere Heimatstadt am 22. Januar 1945 in zwei Stunden verlassen, weil deutsches Militär unseren Vorort an der linken Oderseite besetzte. Wir flüchteten nach Löwenberg zu unseren Verwandten.

Am 13. Februar 1945 kam der Befehl, die Stadt Löwenberg zu verlassen und zu trecken. Die Russen sind ganz in der Nähe. Die Landstraßen waren so verstopft von Flüchtenden, daß wir nicht mehr raus konnten.

Bei den Kämpfen am 14./15. Februar 1945 suchten die zurückgebliebenen Bewohner in den Kellern Schutz.

Die Artillerie schoß die ganze Nacht. Wir blieben daher auch die ganze Nacht über im Felsenkeller. Morgens um 7.00 Uhr ein Krachen an unserer Haustür, die Russen waren da ... Wie die Wilden stürzten sie sich in den Hausflur. Im Schrank wurden alle Konserven auf die Erde geworfen. In der Schuhmacherwerkstatt alle Leisten runter auf die Erde. Es war ein fortwährendes Poltern und Krachen, und die ersten Frauenschreie gellten auf. Frauen wurden in den Hausflur gezerrt und vergewaltigt.

Eine Augenzeugin, Frau Frieda Schneider aus Breslau, die auf der Hauptstraße, Goldberger Straße wohnte, berichtete den Einzug der Russen folgendermaßen:

„Der erste Trupp waren einige Panzer, die durch die Stadt fuhren. Hinterher kam Fußvolk mit langen Eisenstäben, die sämtliche Fensterscheiben, die sie erreichen konnten, einschlugen. Dann kamen wieder welche, die Schmuck, Uhren usw. raubten und plünderten. Die nächsten, die dann kamen, fielen über alle Frauen her, ob jung, ob alt, ganz gleich wo sie versteckt waren, ob unterm Bett oder im Kamin oder im Keller. Sie fanden alle! Zum Schluß kamen polnische Arbeiter, die früher in der Stadt beschäftigt waren, sie zündeten die Geschäfte und Häuser der Parteigenossen mit Benzin und Petroleum an.”

Wir blieben zehn Tage im Keller versteckt.

Frau Josef gebar am 18. Februar 1945 einen Sohn im Keller. Da die Hebamme nur einige Häuser entfernt wohnte, war sie gleich zur Stelle. Es war furchtbar in dem nassen dunklen Keller. Das Kind schrie fortwährend. Die Mutter mußte mit ihren zwei Kindern nach zwei Tagen ans Tageslicht, und sie kam mit ihrer Mutter in den zweiten Stock. Aber auch sie blieb nicht verschont vor den Vergewaltigungen, trotzdem doch jeder das kleine Würmchen neben der jungen Mutter sah.

Nach zehn Tagen mußten wir die Altstadt räumen, und wir wurden von den Russen in die Villenstadt in zwei Straßen, Kaiser-Friedrich-Straße und


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Bismarckstraße, eingewiesen. Wir wohnten in der Bismarckstraße 9 in der Lehrerwohnung von Herrn Spangenberg im ersten Stock. Im zweiten Stock lag ein Kunstmalerehepaar mit seiner Tochter erschossen in den Betten. Die Gesichter waren schon schwarz. Mein Mann mußte sie mit Herrn Flicker runter tragen, eingewickelt in die Bettlaken, wo sie auf einem Rasenplatz dann noch einige Tage lagen, ehe sie beerdigt würden.

Die Bewohner der beiden Straßen aus der Altstadt mußten sich das Wasser zum Kochen aus einer kleinen Pumpe auf der Kaiser-Friedrich-Straße holen. Dort standen wir stundenlang Schlange an, denn das Wasser war oft sehr schnell alle. Die elektrischen Anlagen waren zerstört.

Eine 45jährige Lehrerin erzählte mir, daß sie die dauernden Vergewaltigungen der Russen — täglich 20- bis 30mal — nicht mehr aushalten könne. Die Russen vergewaltigten sie, unbekümmert darum, daß sie mit ihrer 81jährigen Mutter in einem Bett schlief! Es war eben furchtbar, keine Frau blieb verschont! Die Russen kamen von der nahen Front her mit Autos angefahren, und so ging das den ganzen Tag bis morgens um 3.00 Uhr.

Am 28. Februar 1945 gab der Russe bekannt, daß sämtliche Deutschen die Stadt zu verlassen hätten, da die Deutschen die Stadt wieder besetzen würden. Die deutsche Artillerie eröffnete das Feuer, und am 1. März 1945 zogen wir in langen Kolonnen in Richtung Braunau—Ludwigsdorf, wo wir uns dann aufhalten durften. Es war Tauwetter, unheimlicher Dreck, die Straßen voller Russen, die uns angrinsten, und wir kamen mit unseren Handwägelchen nur mühsam vorwärts. Mehrere hatten Schubkarren, andere Schlitten, sie kamen einfach nicht mit und mußten immer mehr von ihrer letzten Habe im Straßengraben liegen lassen. Mehrere Frauen und auch Männer hatten Krücken. Es war ein Bild des Jammers. Wir mußten uns stets gut rechts halten, denn die Russen mit ihren klapprigen, vorsintflutlichen Autos überholten uns fortwährend nach Richtung Gröditzberg. Sie räumten ebenfalls die Stadt. Wir sollten uns im Gasthaus von Ludwigsdorf einquartieren, doch dies war voller Russen, auch die Molkerei und die größeren Güter am Anfang des Dorfes. Wir suchten am Ende des Dorfes Quartier und wohnten in der 94 bei Hanke und durften acht Tage dort bleiben.

Die Wohngemeinschaft der Vfn. blieb hier vor Vergewaltigungen verschont, da sich darunter ein russisch sprechender Mann befand.

Unten in zwei Zimmern waren 30 Löwenbergerinnen, die sich auf Stroh lagerten und Tag und Nacht keine Ruhe vor den Russen hatten, ebenso wie oben drüber Frau Josef und ihre 63jährige Mutter. Unter den 30 Löwenbergerinnen befand sich auch ein Drogistenehepaar, sie hatten Gift genommen, während der Mann tot war, wurde die Frau gerettet.

Die Ludwigsdorfer Frauen hörte man Tag und Nacht schreien, obwohl sie sich so gut tief im Heu und Stroh versteckt hatten. Die Russen suchten überall und fanden sie auch überall.

Eines Tages sah ich den katholischen Geistlichen von Löwenberg, Erzpriester Loske, mitten auf der Straße umringt von sechs Nonnen in Zivilkleidern, alte Weiblein, die vor ihm knieten und um Schutz vor den Russen baten. Auf einmal kam ein russischer Offizier und gab allen einen Schlag mit der MP. ins Kreuz, und sie stoben auseinander.


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In der nächsten Nacht gab es ein großes Gepolter: 30 Russen waren in unser Hans eingezogen, sie schliefen auf den Treppen und im Hausflur. Ein Auto mit einem großen Geschütz stand im Hof, und auf dem Acker hatten die Russen in der Nacht Flakgeschütze eingegraben. Morgens kamen dann deutsche Flieger, und die Schießerei begann. Wir standen am Fenster und sahen allem mit zu, nur mit dem einzigen Gedanken, wenn sie uns doch bloß treffen wollten, damit wir endlich erlöst würden! — Die Besatzung blieb zwei Tage, dann rückte sie ab nach Löwenberg.

Am 8. März 1945 mußten wir Ludwigsdorf verlassen, und weiter ging es über Deutmannsdorf, überall zerstörte Häuser, Plünderung und Vernichtung.

In Deutmannsdorf kam uns ein 19jähriges Mädchen weinend entgegen. Die Russen hatten ihre Mutter, Frau Anna Heier, Ende der 50, erschossen, weil diese sich vor ihre Tochter gestellt hatte und nicht dulden wollte, daß sie diese vergewaltigten.

Ein paar Häuser weiter lagen zwei deutsche Soldaten erschossen.

Es ging weiter über Hartliebsdorf. Dort begegneten wir einem sonderbaren Zug von Menschen. Männer, Insassen der Provinzial-Heilanstalt Plagwitz1). Sie trugen noch ihre Anstaltskleidung. Manche hatten sich Strümpfe über den Kopf gezogen. Einige hatten abgezogene Kaninchen über die Schultern gehängt. Sie wurden in Dunkelwald einquartiert Mein Mann traf sie später im Zuchtbaus in Wohlau als Gefangene wieder2).

Wir zogen weiter und durften, da es den ganzen Tag schneite, im Dorf Gröditzberg bleiben. Wir kamen auf das Gut von Frau Prause. Hier bekamen wir ein großes Zimmer im ersten Stock. Rechts und links Stroh, in der Mitte ein schmaler Gang. Wir waren einschließlich der Kinder 28 Personen.

Nachts kam eine russische Kontrolle: zwei Russen mit MPs. hielten uns ein Streichholz vor die Nase und leuchteten jeden einzelnen ab. Uns gegenüber las; ein Bauer aus Steinau mit sieben kleinen Kindern. Die Älteste 15 Jahre alt. Auf sie hatten es die Russen abgesehen. Ein Russe setzte sich auf unseren mit vielen frischen Broten gefüllten Brotsack, die wir am Tage vorher beim Bäcker in Gröditzberg erstanden hatten. Der andere legte sich zwischen das Bauernehepaar, wo die 15jäbrige Tochter lag. Wir hörten das Wimmern und Weinen von dem Mädchen, und auch die Mutter weinte laut.


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Der Bauer und die andern Kinder mucksmäuschenstill, denn der zweite Russe hielt seine MP. auf uns alle gerichtet. Als der erste Russe wegging, fiel der zweite Russe über sie her.

Da es ununterbrochen schneite, durften wir drei Tage lang bleiben. Dann mußten wir weiter. ... Es ging nun bergauf, vereiste glatte Straßen, die Bauernwägelchen mit ein oder zwei Kühen bespannt, kamen immer mühseliger vorwärts, dahinter wir mit unserem Handwagen, darauf den kleinen Säugling und unsere Kinder. Frau Josef und ich vorgespannt, mein Mann und Frau Lauger halfen schieben. Von Gröditzberg ab sahen wir überall weiße Fahnen aus den Dachkammerfenstern. Das nächste Dorf, in dem wir uns einquartieren durften, war Adelsdorf. Auch hier wimmelte es von Russen, und in jedem Haus waren mindestens 50 Mann, die die Stuben ausgeräumt hatten und auf Bretterverschlägen lagen. Überall wieder restlose Vernichtung und Zerstörung. Das Dorf war leer von der Zivilbevölkerung. Am Ende des Dorfes durften wir uns einquartieren. Es war das Altersheim, gerade gegenüber dem Spritzenhaus. Frau Josef kochte schnell für ihren Säugling eine Weizenmehlsuppe, denn durch die dauernden Vergewaltigungen hatte sie völlig die Milch verloren, und Milch gab es doch nirgends.

Die Kühe wurden aus allen Gehöften von den Russen abgetrieben, und alle Kühe, die noch frei herumliefen, wurden von den Russen eingefangen. Das Vieh brüllte überall in den leeren Dörfern, durch die wir gekommen waren.

Wir durften in Adelsdorf zwei Tage lang bleiben. Doch die Kontrollen, die Plünderungen und Vergewaltigungen jede Nacht, die manchmal zehnmaligen Durchsuchungen unserer letzten Lumpen waren furchtbar. Was uns die Russen wegnahmen — wir wußten zum Schluß gar nicht mehr, was wir noch besaßen! — war immer wertloser. Man war zum Schluß froh, überhaupt noch selbst am Leben gelassen worden zu sein.

Nach weiteren zwei Tagen mußten wir schon wieder weiter über Woitsdorf—Bandmannsdorf, durch das viele Kompanien marschierten. In B. befand sich nämlich das russische Hauptquartier. Zivilpersonen begegneten wir überhaupt nicht mehr. Auf der Autobahn Goldberg—Haynau hielten unsere Wägelchen zwei Russen, ein Feldwebel und ein Unteroffizier, an. Sie brachten uns . . . bis Brockendorf. Rechts und links in den Straßengräben lagen viele tote deutsche Soldaten, erschossenes Vieh. Wie überall die gleiche Vernichtung.

Im Gut Nieder Brockendorf durften wir im Schloß wohnen. 28 Personen waren schon anwesend. . . . Am 16. März 1945 kamen noch einmal sechs Bauern mit Wagen und Kühen dazu.

Nachmittags 18.00 Uhr hieß es plötzlich: „Alle Männer runter ins Dorf auf die Kommandantur”. Sie mußten gehen, so wie sie gerade von der Arbeit gekommen waren. Es hieß, in einer Stunde kämen sie wieder. Zehn Mann kamen aber nicht wieder, darunter auch mein Mann. Pastor Henschel und Herr Kluge kamen nach drei Tagen zurück. Bauer Kenge, 66jährig, erzählte, daß sie alle mit einem Russenauto nach Woitsdorf transportiert wurden, dort im Spritzenhaus auf dem Zementfußboden kampieren mußten


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zu 35 Mann! Nachts Verhöre mit Gummiknüppeln und MPs. Sagte einer, er sei nicht in der Partei gewesen, bekam er gleich ein paar mit dem Gummiknüppel und die MP. wurde ihm an die Schläfe gehalten. Pastor Henschel trug am linken Arm eine Stütze von einer Verwundung vom ersten Weltkrieg her, er war übrigens auch einige Wochen noch unter Hitler im KZ. gewesen. Diese beiden Männer kamen nach langen Fußmärschen, eingeschüchtert durch die vielen Verhöre, krank zurück, die andern blieben alle verschollen 1). Nach Wochen fragte ich den Feldwebel, unseren Kommandanten, der einige Worte deutsch sprechen konnte, wo bloß mein Mann sei. Er sagte, er wisse es nicht. Der Kommandant, der sie abgeholt habe, sei ein Schwein . . . ein Deutschenhasser.

Anschließend berichtet Vţn. über die Arbeits- und Lebensverhältnisse auf dem in Frontnähe gelegenen Gut, wo zur Versorgung der russischen Truppen Vieh zusammengetrieben worden war. Von dort wurden Mitte April mehrere Frauen wegen angeblich venerischer Krankheiten zwangsweise über Bunzlau nach Tschenstochau abtransportiert und dort den Polen überliefert.

In Brockendorf wurden dann am 1. Mai 1945 die besten Kühe abgetrieben, und Frau Wahn und Tochter Rosie, Frau Jäschke und Tochter Lotte, Fräulein Ulli, die Elevin von Wahn, Frau Schneider aus Schellendorf und mehrere Frauen von dort mußten die Kühe bis Priebus treiben, dann kamen sie wieder zurück. Die Kühe kamen nach Rußland. Wir kamen mit dem Jungvieh aufs Nachbardorf nach Schellendorf, wohin wir unsere letzten Sachen auf einem Ochsenwagen mitnehmen durften. Die Frauen trieben die Bullen und das übrige Vieh, dort begann für uns Frauen wieder eine furchtbare Zeit. Jeder Russe durfte das Gut betreten, und die Vergewaltigungen waren wieder ganz schlimm. Wir hatten einen neuen Kommandanten, einen jungen Russen, der sich oft betrank und den ganzen Tag auf seinem Lager lag.

Am 15. Mai 1945 schlug endlich unsere Befreiungsstunde. Wir bekamen alle Zettel in die Hand gedrückt von einem Kommandanten vom Gut Nieder-Schellendorf, daß wir bei einer russischen Einheit in der Landwirtschaft gearbeitet hätten und in die Heimat entlassen wären.

Da ich die einzigste Breslauerin war, allein die 85 Kilometer mit meinen Kindern gehen mußte, treckte ich mit den Ludwigsdorfer Bauern mit Herrn und Frau Kluge, die es sehr gut mit mir und meinen Kindern meinten und ihr geringes Essen jedesmal treu mit uns teilten. Wir gingen denselben Weg zurück. Nirgends gab es mehr Russen. Es war eine Seltenheit, wenn man auf sie stieß. Nur die Besatzungen der durchfahrenden LKWs. belästigten und vergewaltigten uns. Aber auf den größeren Gütern gab es überall noch russische Kommandos.

Die zurückgekehrten Bauern bepflanzten die Äcker mit Kartoffeln. Das Wintergetreide war ja überall noch bestellt gewesen, und wir dachten schon: Alle Not hätte nun ein Ende. Anders war es in Deutmannsdorf. Dort lag kein Wachtkommando. Täglich kamen Einwohner, die nach der Tschechei geflohen waren, zurück. Sie kamen teilweise noch mit vollen Wagen, mit Vorräten an Mehl, Speck, guter Wäsche. Wir hatten nur noch Lumpen, denn


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die Wintersachen hatten uns ja die Russen gestohlen. Die Sommersachen die wir noch unter Schutt und Trümmern in den Dörfern gefunden hatten, sahen jämmerlich aus.

Tn Deutmannsdorf an der Kirche ging eine Nebenstraße nach dem Bahnhof Hartliebsdorf. Von dort kamen alle Nächte Mongolen von Haindorf, ja sogar von Greiffenberg her und überfielen die armen Frauen und verprügelten und vergewaltigten sie. Verstecken nutzte überhaupt nichts, sie fanden jede. Die schrillen Angstschreie hörte man aus großen Entfernungen. Zwei Frauen, die ich mit Namen kenne, sind hier in B. untergebracht, ihre Männer blieben beide in Stalingrad. Sie hatten beide hübsche Kinder. Jetzt sind sie krank, siechen dahin, niemand kann ihnen mehr helfen.

Anschließend berichtet Vfn. ausführlich über ihre Erlebnisse und die Verhältnisse unter polnischer Verwaltung bis zu ihrer Flucht im Mai 1946.