Nr. 28: Im eingeschlossenen Königsberg, Flucht mit dem Schiff über Pillau nach Danzig im Februar 1945, Weitertransport mit der Eisenbahn.

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Brief des Kreisbürodirektors a. D. Eduard Schwartz aus Königsberg i. Ostpr.

Photokopie, 10. August 1948, 6 Seiten. Teilabdruck.

Vf. berichtet einleitend über seine Lebensumstände in Königsberg und fährt nach einer Schilderung des schweren Luftangriffs auf Königsberg im August 1944 fort:

Nach dem großen Luftangriff, durch den etwa 20000 Einwohner der Stadt obdachlos geworden waren, bot Königsberg ein trauriges Bild. Mit der Nachtruhe war es von da ab vorbei, denn die Russen rückten immer näher, und die Luftangriffe mehrten sich. Über die Erlebnisse in der Zwischenzeit will ich hinweggehen. Im Januar 1945 wurde der Ring um die Festung durch die Russen dauernd enger geschlossen. Tag und Nacht brachten wir im Luftschutzkeller zu, da der Artilleriebeschuß und der Abwurf von Fliegerbomben an der Tagesordnung war. Ein Aufenthalt auf der Straße war mit Lebensgefahr verbunden.

Auf vieles Zureden entschlossen wir uns Ende Januar 1945, durch den Belagerungsring in der Richtung über Brandenburg nach dem Frischen Haff zu flüchten. Mit einem beladenen Rodelschlitten brachen wir in der Nacht bei 20° Kälte, bei Eis und Schnee durch die Trümmer der Stadt auf und gelangten bis zur neuen Eisenbahnbrücke. Aus entgegengesetzter Richtung kamen Einwohner aus Metgethen nach dem Innern der Stadt, weil die Russen bereits bis vor den Vorort vorgedrungen waren. An der Eisenbahnbrücke wurden wir von der Wache zur Umkehr aufgefordert, weil wir nach ihrer Ansicht innerhalb der Festung am sichersten untergebracht wären. Wir kehrten um und eilten nach unserem Luftschutzkeller, den wir vor Morgengrauen erreichten. Die im Luftschutzkeller verbliebenen Einwohner freuten sich, als wir wieder zurückkamen. Die Eisenbahnstrecke nach Pillau konnte nicht benutzt werden, da sie bereits von den Russen besetzt war. So waren wir in der Festung eingeschlossen und mußten uns dem Schicksal übergeben, gequält von dem Gedanken, entweder verschüttet oder von den Russen in Gefangenschaft verschleppt zu werden.

Am 24. Februar 1945 forderte man uns auf, Königsberg zu verlassen. Auf dem Trommelplatz sollten wir uns ungeachtet der Fliegergefahr mit einem kleinen Handgepäck innerhalb 3 Stunden sammeln und mit Autos nach dem Hafenbecken IV gebracht werden. Noch ein Blick nach dem Grabe unserer Habe, und fort ging es zum Sammelplatz. Leider mußten wir unsere jüngste Tochter, die als Medizinerin auf dem Hauptverbandsplatz eingesetzt war, schweren Herzens zurücklassen. Aus Pflichtgefühl konnte sie die nicht mehr transport-


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fähigen Schwerverwundeten nicht verlassen. Bitter war der Trennungsschmerz, denn was ihrer harrte, konnten wir uns denken. — Im Hafen angelangt, begann das Verladen auf Kohlenschleppkähnen. Über uns kreisten russische Flieger. Beim Dunkelwerden brachte uns ein Schleppdampfer nach Pillau. Tausende warteten dort bereits auf den Abtransport über die See. Auf einem gebrechlichen hölzernen Viehtransportdampfer wurden wir verstaut. Infolge des hohen Seegangs konnte die Abfahrt erst am 2. Tage in Begleitung von einem Torpedoboot und zwei Minensuchern erfolgen. Als wir die Hoheitsgrenze erreicht hatten, verließen uns die Begleitschiffe, und mit ängstlichen, gemischten Gefühlen ging es Richtung Neufahrwasser. Nachts um 2 Uhr erreichten wir das Ziel. Wir dankten alle Gott, daß wir wieder festen Boden unter den Füßen hatten. Eine Transportleitung war uns nicht mitgegeben, darum waren wir auf uns selbst angewiesen. In einen einfahrenden leeren Gütertransportzug, der mit einem unbestimmten Ziel ins Reich fuhr, kletterten wir hinein. In unserem Wagen befanden sich 62 Personen. Die Fahrt ging über Stolp, Kolberg, Greifswald, Rostock, Lübeck, Neumünster nach Flensburg.

Im folgenden berichtet Vf. über sein weiteres Schicksal in Schleswig-Holstein.