Nr. 20: Flucht über das Haff nach dem Westen des Reiches.

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Erlebnisbericht der Abiturientin M. M. aus L y c k i. Ostpr.

Original, 9. November 1951.

Am 21. Januar 1945 mußte Lyck geräumt werden. Schweren Herzens trennten sich meine Mutter, meine Schwester und ich von meinem Vater, der zum Volkssturm eingezogen wurde, sowie von den Großeltern. Mein Großvater beabsichtigte, soviel wie nur irgend möglich von unserem beweglichen Gut mitzunehmen, und setzte sich mit seinem Treck in Richtung Arys in Bewegung.

Mit den letzten Zügen kamen wir bis Rastenburg, wo wir bei Verwandten übernachteten. Radioberichte, die wir hörten, ließen erkennen, daß Ostpreußen in eine aussichtslose Lage geraten war. Inzwischen erreichte uns die Hiobsbotschaft, daß der Zugverkehr nach dem Reich eingestellt worden sei. Wir hatten jetzt nur den einen Gedanken, Rastenburg so schnell wie nur möglich zu verlassen. Meine Großmutter blieb mit ihrem Hausmädchen zurück, weil sie unbedingt auf ihren Mann warten wollte. Wir sollten sie und meinen Großvater nie mehr sehen.

Auf dem Güterbahnhof von Rastenburg fanden wir drei Zuflucht in einem Güterwagen, der Soldaten in Richtung Königsberg/Pr. transportierte. In Korschen mußten wir raus, hatten jedoch das Glück, sofort einen neuen Güterzug, der mit Flüchtlingen überfüllt war, zu erwischen. Unterwegs starben Säuglinge vor Hunger.

Am 26. Januar 1945 erreichten wir Bartenstein. In ihrer Angst, den vordringenden Russen in die Hände zu fallen, hatten es zahlreiche Flüchtlinge trotz der starken Kälte fertig bekommen, sich in offenen Lorenwagen an den Transport anzuhängen. In Bartenstein waren viele bereits erfroren.


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Wir blieben die Nacht in unserem Wagen. Mit Tagesanbruch verließen wir den Güterzug und suchten uns in Bartenstein ein Quartier. Eine bekannte Dame aus Lyek schloß sich uns mit ihrem Sohn, den die Flucht während seines Genesungsurlaubs überrascht hatte, an. Es herrschte eine Kälte von minus 25 Grad. Während wir unterwegs waren, hörten wir in der Ferne das dumpfe Grollen von Artilleriekanonaden.

Wir fanden eine Unterkunft und ruhten uns zwei Tage aus. Dann trieb uns das näherkommende Artilleriefeuer aus der Stadt Bartenstein. Unter den pausenlosen Detonationen der von den eigenen Truppen gesprengten Wehrmachtsanlagen in Bartenstein bahnten wir uns inmitten einer kopflos fliehenden Menschenmasse den Weg aus der Stadt. Bald sahen wir ein, daß auf den Chausseen kein Fortkommen möglich war. Wir begaben uns zum Güterbahnhof zurück und hatten wiederum das unerhörte Glück, einen Waggon zu finden, der nur mäßig besetzt war. Unser Bekannter holte sich einige Eisenbahner heran, die diesen Waggon nach vielem Zureden schließlich an einen Lazarettzug in Richtung Braunsberg anhängten. Die Eisenbahner nahmen sich der Flüchtlinge in rührender Weise an und besorgten Essen und Trinken.

Am 1. Februar 1945 gelangte der Transport nach Braunsberg. Hier erfuhren wir die neuesten Hiobsbotschaften: Alleustein gefallen! Elbing von den Russen besetzt! — Wir befanden uns in einem riesigen Kessel.

Pausenlos belegten russische Flugzeuge die Stadt Braunsberg mit Bomben und Bordwaffenfeuer. Eine Freundin meiner Mutter nahm uns auf. Viele Flüchtlinge mußten in Kellern kampieren. Bis zum 10. Februar 1945 blieben wir in Braunsberg. Täglich mußten wir stundenlang nach Lebensmitteln und Kohlen anstehen. Das Gedröhn der Stalinorgeln kam von Tag zu Tag näher. Licht und Gas fiel aus. Wir lebten mit 10 Personen in einem Zimmer. Wir faßten den Entschluß, die Stadt zu verlassen. In der Dunkelheit verließen wir mit einigen anderen Leidensgefährten unser Domizil und tappten uns durch eine stockfinstere Nacht auf einer von Menschenleichen und Tierkadavern besäten Landstraße vorwärts. Hinter uns blieb das brennende Braunsberg zurück; links von uns — um Frauenburg — tobte eine erbitterte Schlacht.

Gegen Mitternacht erreichten wir — völlig verdreckt und verschlammt — das Städtchen Passarge am Frischen Haff. In einer Scheune erwarteten wir den neuen Tag. Heinz P., unser genesender Soldat, und seine Mutter konnten nicht mehr weiter. Wir mußten sie zurücklassen, als wir unseren Fußmarsch zum Frischen Haff fortfetzten. Inzwischen war die eisige Kälte anhaltendem Regenwetter gewichen. Wir erreichten den Uferrand des Frischen Haffs, verpusteten einige Minuten und traten dann den Marsch zur gegenüberliegenden Nehrung an.

Das Eis war brüchig; stellenweise mußten wir uns mühsam durch 25 cm hohes Wasser hindurchschleppen. Mit Stöcken tasteten wir ständig die Fläche vor uns ab. Zahllose Bombentrichter zwangen uns zu Umwegen, Häufig rutschte man aus und glaubte sich bereits verloren. Die Kleider, völlig durchnäßt, ließen nur schwerfällige Bewegungen zu. Aber die Todesangst vertrieb die Frostschauer, die über den Körper jagten.

Ich sah Frauen Übermenschliches leisten. Als Treckführerinnen fanden sie instinktiv den sichersten Weg für ihre Wagen. Überall auf der Eisfläche lag verstreuter Hausrat herum; Verwundete krochen mit bittenden Gebärden zu


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uns heran, schleppten sieh an Stöcken dahin, wurden auf kleinen Schlitten von Kameraden weitergeschoben.

Sechs Stunden dauerte unser Weg durch dieses Tal des Todes. Dann hatten wir zu Tode ermattet, die Frische Nehrung erreicht. In einem winzigen Hühnerstall sanken wir in einen flüchtigen Schlaf. Unsere Mägen knurrten vor Hunger.

Am nächsten Tage liefen wir in Richtung auf Danzig weiter. Unterwegs sahen wir grauenvolle Szenen. Mütter warfen ihre Kinder im Wahnsinn ins Meer, Menschen hängten sich auf; andere stürzten sich auf verendete Pferde, schnitten sich Fleisch heraus, brieten die Stücke über offenem Feuer; Frauen wurden im Wagen entbunden. Jeder dachte nur an sich selbst — niemand konnte den Kranken und Schwachen helfen.

In Kahlberg stellten wir uns dem Roten Kreuz zur Verfügung und pflegten Verwundete in der Strandhalle. Am 13. Februar 1945 gingen wir als Pflegepersonal an Bord eines Lazarettschiffes. Am nächsten Tage erreichten wir Danzig-Neufahrwasser und gingen von Bord.

Am 15. Februar 1945 erhielten wir ein Quartier in Zoppot zugewiesen. Meine Mutter und Schwester und ich konnten sich kaum noch auf den Füßen halten. Trotzdem schleppten wir uns zum Güterbahnhof in Gotenhafen, wo es uns zum dritten Mal durch eine wunderbare Fügung gelang, in einem Feldpostgüterwagen nach Stolp (Pommern) mitgenommen zu werden. Am 19. Februar 1945 kamen wir als Pflegepersonal mit einem Lazarettzug über Hannover nach Gera in Thüringen, wo wir bei Verwandten untergebracht wurden. Es war der 28. Februar 1945. An diesem Tag endete unsere Flucht aus Ostpreußen.