Nr. 16: Evakuierung und Flucht der Bevölkerung aus den östlichen Kreisen Ostpreußens im Herbst 1944, aus dem Kreise Insterburg im Januar 1945. Die allgemeine Fluchtsituation im Raum Heiligenbeil, Frisches Haff, Pillau im Januar/Februar 1945.

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Erlebnisbericht des Superintendenten des Kreises Heiligenbeil i. Ostpr., Paul Bernecker.

Original, 1. Juni 1950.

Im August 1944 fanden die ersten Einbrüche der Russen in die Grenzbezirke der Provinz Ostpreußen statt, was die Räumung eines Teiles der Provinz, vor allem des Memelgebietes und der Kreise Tilsit, Ragnit, Pillkallen, Stallupönen und Goldap zur Folge hatte. Da ich, seit 1937 aus Ostpreußen ausgewiesen, später, nach meiner Entlassung aus dem Militärdienst Anfang 1944, von der Gestapo Erlaubnis erhielt, in den Regierungsbezirk Gumbinnen zurückzukehren, verwaltete ich im Norden Ostpreußens das Kirchspiel Aulowönen. Von hier konnte ich die ersten Beobachtungen über die Räumung machen.

Anfang August 1944 stand eine gewaltige Übermacht der Russen an der ostpreußischen Grenze, jeden Augenblick bereit, die deutsche Front einzudrücken. Durch Einsatz einiger hervorragender Divisionen wurde aber der Russe, bis auf kleine Einbrüche bei Memel und Goldap, noch aufgehalten. Von sachkundiger Stelle wurde dem Gauleiter Koch im August 1944 ein Plan zur Räumung Ostpreußens von der Zivilbevölkerung und eine Unilagerung der kostbaren Bestände an Getreide, Vieh, Pferden usw. unterbreitet, wobei militärische Bewegungen keineswegs gestört werden sollten, doch wurde dieser Plan abgelehnt mit dem Bemerken: „Wer noch einmal von Räumung spricht, gilt als Verräter.” So ging die Provinz mit sehenden Augen ins Verderben.

Ende August 1944 langten die ersten Flüchtlingsströme aus dem Gebiet Tilsit-Ragnit in Aulowönen, Kreis Insterburg, an. Täglich zogen ca. 10 000 Menschen mit Wagen, Vieh und Pferden durch die Dörfer. Das Wetter begünstigte die Flucht, da im Freien übernachtet werden konnte, auch bestand noch keine Gefahr durch Flugzeuge. An manchen Tagen wurden Herden bis zu 5000 Stück hochklassigen Rindviehs durch die Dörfer getrieben bis zu den großen Wiesen bei Insterburg und Georgenburg. Hier hatte sich schon eine Herde von ca. 40 000 Stück wertvollster ostpreußischer Viehbestände zu-


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sammengefunden, es konnten täglich jedoch nur etwa 1000 Stück abtransportiert werden. Es war ein Jammer, das Sterben des Viehs mitzuerleben. Der größte Teil der Tiere mußte ungemolken bleiben, da nicht genügend Menschen vorhanden waren dafür. Das verursachte den Kühen ungeheure Schmerzen, und das unheimliche Brüllen der Tiere war weithin vernehmbar.

Der Strom der Flüchtlinge, die in Richtung Süden der Provinz weiterzogen, hörte nun nicht mehr auf. Im Pfarrhaus und Wirtschaftshof des Kirchspiels Aulowönen übernachteten jede Nacht einige hundert Menschen mit ihrer mitgeführten Habe bzw. ihren Planwagen. Nun wurde von der Behörde weitere Räumung angeordnet, doch waren viele Bauern nicht zu bewegen, ihre Scholle zu verlassen. Die Chaussee Insterburg—Skaisgirren war nach Norden die Räumungsgrenze, so daß das von mir verwaltete Kirchspiel zu einer Hälfte nach Kreis Mohrungen, im Süden Ostpreußens, evakuiert wurde. Es war etwa September/Oktober 1944. Ungefähr ¾ der betroffenen Bevölkerung folgte der Aufforderung. In Mohrungen angekommen, mußten die Besitzer ihre Gespanne wieder zurückschicken und die Felder mit der Herbstsaat bestellen.

November 1944 setzten dann größere Beunruhigungen durch russische Flieger ein, auch begannen Fliegerangriffe auf Tilsit.

Am 13. Januar 1945 setzte der Generalangriff an der Grenze mit Trommelfeuer und Durchbruch von Panzern ein. Am 14. Januar hielt ich den letzten Gottesdienst in der Kirche zu Aulowönen. Der Räumungsbefehl für den Rest des Kirchspiels mit ca. 22 Dörfern und 3000 Menschen wurde nicht gegeben, obwohl schon deutsche Truppen aufgelöst zurückfluteten und einzelne Formationen Aulowönen räumten. Die Panzer der Russen hatten bis Skaisgirren-Georgenburg durchgestoßen und die ganze Front in Tiefe bis zu 50 km zum Wanken gebracht.

Am 18. Januar 1945 begann ein furchtbares Durcheinander. In wenigen Stunden mußte alles geräumt werden, da dem Russen keine deutschen Truppen mehr gegenüberstanden. An manchen Abschnitten wollten die Soldaten nicht mehr kämpfen, sie warfen die Gewehre fort und ergriffen die Flucht. Erst hinter ihnen flüchtete die Bevölkerung, die schon da schweren Blutzoll zahlen mußte. Ein kleinerer Teil wurde von den Russen überrannt, die andern auf der Straße bis Wehlau und Tapiau eingeholt und zum Teil vernichtet; man kann dabei an 1/3 der Restbevölkerung Aulowönens denken. - Die Flüchtenden wählten die verschiedensten Wege, um nur erst über den Pregel bei Norkitlen, Wehlau und Tapiau zu kommen. Allgemeine Richtung war Bartenstein, Preußisch-Eylau und Königsberg. Die Hoffnung, daß die Russen an den Flußläufen von Pregel und Deime aufgehalten werden würden, trog leider. So entkamen nur diejenigen, die mit aller Kraft unermüdlich und ohne Aufenthalt Tag und Nacht nach dem Westen strebten, alle nur mit dem notwendigsten Proviant und den unentbehrlichsten Dingen bepackt.

Mir selbst gelang es, am 20. Januar 1945 nach Liebstadt zu kommen, wo ich am 21. noch der dorthin evakuierten Aulowöner Gemeinde einen Gottesdienst hielt und einzelne Glieder besuchte. Doch bereits im Laufe des Tages zogen auch hier flüchtende Kolonnen von Militär und Zivil durch, die unter allen Umständen noch am 21. Januar die Nogat erreichen wollten. Am gleichen


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Tage hatten aber die Russen bei Elbing die Provinz Ostpreußen bereits abgeschnürt, und niemand konnte mehr über Land nach dem Westen gelangen.1) In der Nacht vom 21. zum 22. Januar mußte die Bevölkerung auch aus Liebstadt heraus, da der Russe ganz in der Nähe war. Militärfahrzeuge nahmen einen Teil der Menschen mit, die anderen versuchten, in Richtung Wormditt, Mehlsack, Braunsberg das Haff zu erreichen. Die Flucht fand in starkem Schneegestöber statt. Ein großer Teil der Bevölkerung der in der Mitte Ostpreußens gelegenen Kreise wurde bei der Flucht von den Russen überholt und erlitt schwere Verluste.

Mir gelang es, zu Fuß bis Wormditt zu kommen, dort fand ich ein Militärauto, das nach Mehlsack fuhr und mich dorthin mitnahm. Von hier ging endlich noch ein letzter Zug nach Braunsberg. Dort traf man schon auf zurückkehrende Züge aus Richtung Elbing, die nicht mehr durchgekommen waren nach dem Westen und nun wieder nach Königsberg geleitet wurden. Ich gelangte von Braunsberg noch nach Heiligenbeil, wo ich mich vom 22. Januar bis zum 21. Februar 1945 trotz Verbotes der Gestapo aufhielt. Hier begann nun ein unbeschreibliches Durcheinander, zumal der Flüchtlingsstrom aus der ganzen Provinz sich hier staute, und Braunsberg und Heiligenbeil die beiden einzigen Stellen waren, über die es aus der Provinz heraus über das gefrorene Haff noch eine Möglichkeit gab, über Danzig ins Reich zu kommen. Schwere Panzer hatten die Wege inzwischen stellenweise grundlos gemacht. Auf den Wegen und in den Gräben sah man vielfach alt gewordenes Fleisch und totes Geflügel liegen, das die Flüchtlinge nicht länger halten konnten, auch Kisten mit Waschpulver, Zucker, Kolonialwaren, Hausrat usw. lagen herum, da viele ihre Treckwagen damit zu sehr überlastet hatten und die Pferde auf die Dauer nicht mehr die Kraft hatten, diese Lasten zu ziehen. Manche hatten sogar l—2 Kühe mitzunehmen versucht, mußten sie schließlich aber doch laufen lassen. Kühe, Schweine und Geflügel blieben überall auf den verlassenen Gehöften zurück, dazu ungeheure Mengen von Getreide. Der Russe machte große Beute.

Der 22. Januar 1945 war für die Provinz Ostpreußen und ihre Bevölkerung ein Tag von einschneidender Bedeutung, da mit dem Vorstoß russischer Panzereinheiten nach Elbing die Abschnürung der Provinz völlig wurde2) und der riesige Flüchtlingsstrom, der die Weichsel zu erreichen suchte, nun kehrtmachen mußte, um über den einzigen Ausweg, das Haff, zu entkommen. Diese Möglichkeit wurde immer mehr eingeschränkt durch das Vordringen der Russen von Elbing bis Frauenburg, das Ende Januar erreicht war. Am Sonntag, dem 21. Januar 1945, waren noch einige D-Züge von Königsberg abgegangen, die von Zehntausenden von Menschen gestürmt worden waren, die aber zum größten Teil zurückbleiben mußten. Diese D-Züge standen 4 Tage lang auf der Strecke Heiligenbeil—Braunsberg—Elbing, vollgepfercht mit Menschen, die trotz Kälte — es waren ca. 15 Grad minus — diese Züge nicht verließen, weil sie die Hoffnung hatten, mit ihnen aus Ostpreußen herauszukommen. In Heiligenbeil selbst starben während dieser 4 Tage 7 Menschen im D-Zug. Schließlich mußte dieser Zug wieder nach Königsberg zurückgeleitet werden, da ein Herauskommen aus der Provinz nicht mehr möglich war.


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Inzwischen trafen starke Flüchtlingsströme aus ganz Ostpreußen in Heiligenbeil ein. Die Wagenkolonnen, die aus 4 Richtungen kamen, standen manchmal stunden- ja tagelang auf ein und derselben Stelle, weil sich dem Übergang über das Haffeis Schwierigkeiten entgegengestellt hatten. Die Naziregierung hatte z. B., um aus Elbing noch einige Torpedoboote herauszuführen, durch Eisbrecher von Elbing bis Pillau die damals tragfähige Eisdecke zu einer Fahrrinne aufgerissen, so daß ca. eine Woche lang keine Möglichkeit bestand, über das Haff auf die Nehrung zu gelangen.1) Inzwischen schaffte man von bestehenden Baustellen Hölzer heran, um die Fahrrinne zu überbrücken, was schließlich gelang. Nun versuchten die Flüchtlinge, in einem endlosen Zug von Wagen über Rosenberg, Deutsch Bahnau und Leysuhnen die Nehrung zu erreichen.

Beim Beginn der Fahrt über das Haff spielten sich schon furchtbare Szenen ab, da ein großes Polizeiaufgebot die Besitzer der Wagen zwang, ihr Hab und Gut und die Lebensmittelvorräte, die sie aufgeladen hatten, abzuwerfen und Frauen und Kinder mitzunehmen. Auf diese Weise häuften sich auf den Wiesen in der Nähe des Haffs Berge von neuen Betten, Wäsche, Gebrauchsgegenständen, Nahrungsmitteln usw. Neben den Wagenkolonnen zogen Tag und Nacht die Menschen mit kleinerem oder größerem Gepäck, Frauen mit Kinderwagen und Kindern, Eisenbahn- und Postbeamte in Uniform in endlosem Marsch der Nehrung zu. Dabei nahm der Frost Ende Januar eine Stärke von ca. 25 Grad an, so daß eine Anzahl der Fliehenden auf dem Haff erfror. Einer Mutter z. B. waren, als sie die Mitte des Haffs erreicht hatte, bereits 2 Kinder erfroren, die sie einfach liegen lassen mußte, mit den andern beiden Kindern zog sie weiter, als sie jedoch in der Nähe der Nehrung war, waren auch diese beiden Kinder erfroren. Alte Leute saßen und lagen sterbend oder schon erfroren auf dem Wege, den der Zug nahm, niemand kümmerte sich um sie, die Menschen waren durch die wochenlangen Strapazen bereits völlig abgestumpft, sie wollten nur heraus aus der Provinz. Auf der Nehrung selbst herrschten schon im Januar unvorstellbare Zustände, da sich der Flüchtlingsstrom dort staute und die Menge ohne Dach über dem Kopf dort hauste. Ein Polizist erzählte mir, daß für die Scheibe Brot dort bereits 50 Mark verlangt würden. Zwischen Unrat und Kot verzehrten die im Freien kampierenden Menschen ihre kärglichen Mahlzeiten. Viele gingen bei diesem Leben zugrunde. Ein Teil der andauernd durchziehenden Flüchtlinge wurde vorübergehend in Pfarrhaus und Kirche untergebracht. Kamen Autokolonnen, so wurden sie organisiert und mußten Flüchtlinge nach Danzig bringen. Auch Flugzeuge mußten Flüchtlinge mitnehmen, doch wurden sie in der Hauptsache von Verwandten und Bekannten der höheren Nazis beansprucht.

Die Front rückte immer näher an Heiligenbeil heran, so daß die Stadt Anfang März 1945 offiziell geräumt wurde. Pfarr- und Gemeindeamt gab es nicht mehr. Eines Tages wurde eine große Anzahl Flüchtlinge aus meinem Haus innerhalb weniger Minuten hinausgetrieben durch die Polizei und das Gestühl der Kirche mit Äxten zusammengeschlagen und entfernt, weil Platz für die Verwundeten geschaffen werden mußte. Kirche und Pfarrhaus wurden nun Verwundetensammelstelle. Der tägliche Anfall von Verwundeten in Heiligenbeil kann auf ca. 10 000 beziffert werden. Von diesen mußte der


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größte Teil am nächsten Tage Heiligenbeil wieder verlassen. Soweit die Soldaten oberhalb des Gürtels verwundet waren und sich noch aufrecht halten konnten, mußten sie zu Fuß gehen, sonst wurden sie mit Wagen und Schlitten über das Haffeis nach Danzig gebracht. Von den zu Fuß gehenden Soldaten kamen natürlich bei diesem Marsch auch viele um, da der Weg über das Haffeis für Flüchtlinge und Soldaten mit ungeheuren Strapazen verbunden war. Pillau war ca. 29 km, Danzig ca. 50 km von Heiligenbeil entfernt.

Sobald Westwind herrschte, stand das ganze Haff etwa 10 - 30 cm unter Wasser, und die Flüchtenden mußten im Eiswasser waten, bis sie jenseits die Nehrung erreichten. Bei der starken Benutzung der Eisdecke kam es Anfang Februar zu vielen Einbrüchen der Wagenkolonnen und Viehherden, und viele Menschen und Tiere mußten ihr Leben lassen. Tote Menschen und Pferde, eingebrochene Treckwagen und unbrauchbar gewordene Autos säumten den Ľlendswcg. Zu allem anderen beschoß der Russe fast täglich die Nehrung mit Bordwaffen und belegte sie mit Bomben. Die Polizei ordnete einen gewissen Wagenabeland an und versuchte, durch neue Richtlinien die brüchig gewordenen Stellen im Haffeis zu vermeiden, aber täglich wurde die Eisdecke dünner, und die Verluste häuften sich. Da die Russen inzwischen Braunsberg erobert hatten, war Anfang Februar 1945 nur noch eine ganz schmale Stelle vorhanden, über die die flüchtenden Kolonnen noch ans Haff und auf die Nehrung gelangen konnten.

In Heiligenbeil selbst wurden die Zustände immer kritischer. Es gab kein Brot und keine sanitären Hilfsmittel mehr. Die Not der Flüchtlinge wurde groß und größer. Der wochenlange Aufenthalt im Freien bei jeder Witterung und strenger Kälte, die ungenügende Ernährung — selten nur eine warme Mahlzeit oder ein warmes Getränk —, der ungenügende Schlaf usw., das alles bewirkte bei den meisten Erkältungskrankheiten und vor allem Durchfall, an dem auch fast alle Soldaten litten. Gegenmittel waren nicht mehr zu haben. Durch das Hin- und Herwerfen der Panzereinheiten über die eine Brücke in Hciligeubeil war diese sehr häufig für die Benutzung durch die Flüchtlinge gesperrt. Schließlich mußte wegen Beschuß der Stadt auch ein Teil der Lazarette, die außer in Kirche und Pfarrhaus auch in den Schulen, im Amtsgericht, im Krankenhaus und in größeren Sälen untergebracht waren, auf die Nehrung verlegt werden.

Fast täglich kamen mehrere Wehrmachtspfarrer, die in Heiligenbeil amtierten, mit dem Heeresdekan Dr. Schuster in dem einzigen Zimmer meines Hauses, das noch frei war, zusammen, um die Lage zu besprechen und Entschlüsse zu fassen. Die Zustände, die damals in Heiligenbeil herrschten, schildert auch folgendes: Vom 22. Januar bis 22. Februar 1945 fanden täglich auf dem Neuen Friedhof Beerdigungen statt. Eine ganze Kompanie war einzig damit beschäftigt, lange Gräben für die Leichen auszuhebern. Täglich um 1/2 3 Uhr wurden dann die Zivilisten, ca. 50 an der Zahl, in einer gemeinsamen Feier beigesetzt. Sie wurden einfach von den Angehörigen in die Gräben gelegt, und die Polizisten brachten die Leichen, die unterwegs gefunden worden waren, auf Wagen heran. Eine Anmeldung war ja unmöglich, eine Feststellung der Person fand nicht mehr statt. Um 3 Uhr wurden die verstorbenen Soldaten aus den Lazaretten beerdigt, etwa täglich 150, deren Namen, soweit sie aus den Lazaretten kamen, bekannt waren: viele aber kamen direkt aus der


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Frontlinie, die zum Teil 3 bis 5 km von der Stadt entfernt lag. Die Auffangstelle des Militärs konnte die Menge der Verwundeten kaum fassen, so daß die meisten kaum noch verpflegt wurden, sondern nur ein wenig Kaffee oder Wasser erhielten. In der Kirche lagen die Verwundeten in einer Anzahl von 1700 bis 2000 auf Stroh, deren Betreuung außerordentliche Schwierigkeiten bereitete. Die Stadt war ja zum großen Teil geräumt, nur einige hundert Personen waren zurückgeblieben, weil sie Heimat und Besitz nicht verlassen oder den Häschern des Volkssturmes nicht in die Hände fallen wollten.

Inzwischen trafen auch Flüchtlinge ein, die bereits mehrere Tage unter den Russen gewesen waren und durch die beweglichen Kriegsereignisse wieder die Möglichkeit hatten, unter Preisgabe ihrer Habseligkeiteu zu entfliehen. Unter ihnen befanden sich auch zwei Familien meines früheren Kirchspiels im Kreise Insterburg, die schon damals berichteten, welches Los diejenigen, die von den vordringenden Russen überflutet wurden, erwartete. Sie konnten schon von Vergewaltigungen der Frauen und Erschießungen der Männer erzählen.

Bis Mitte Februar hielten sich in Heiligenbeil noch der Gauleiter, zwei Regierungspräsidenten und einige Landräte auf, die sich dann aber nach Pillau absetzten, weil Heiligenbeil unter dauerndem Feuer der Artillerie und Fliegerangriffen sich befand. Am weitesten von Heiligeubeil entfernt war der Russe im Norden bei Balga. Aus diesem Bezirk strömten auch noch die meisten Flüchtlinge ein. Die Überquerung des Haffs wurde auch immer gefährlicher. Die Versorgung der Truppen mit Munition geschah von Pillau aus mit Munitionsprähmen auf einer Fahrrinne, die durch Eisbrecher offengehalten wurde. Mit den leeren Prähmen wurden dann in der Hauptsache Frauen und Kinder nach Pillau befördert, wobei die Partei immer noch maßgeblichen Einfluß ausübte über die Zulassung der Menschen zu diesen geringen Fahrmöglichkeiten.

Da das Verbleiben in Heiligenbeil wegen des immer enger werdenden Ringes, den die Russen um die Stadt legten, keinen Zweck mehr hatte und Heeresdekan Dr. Schuster mir aus einem Gespräch mit dem Oberkommandierenden Rendulicz mitteilte, daß jedes Haus in Heiligenbeil verteidigt werden würde, so entschloß ich mich, in der Nacht vom 21. zum 22. Februar 1945, nachdem die vorhergehende Nacht schweren Artilleriebeschuß mit sich gebracht hatte, mit meiner Familie und einigen Gemeindegliedern aus der Stadt über das Haff nach Pillau zu ziehen mit geringen Habseligkeiten, was nicht einfach war, da die Wehrmacht die Hauptstraße für sich beanspruchte und keinen darauf wandern ließ; man mußte auf großen Umwegen das Haff zu erreichen versuchen.

Pillau ist eine Hafenstadt mit ca. 10 000 Einwohnern und war inzwischen durch Flüchtlinge aus Königsberg und der Provinz mit ca. 70 000 Menschen überfüllt, die alle über See oder über die Nehrung nach Richtung Danzig aus dem Hexenkessel herauszukommen versuchten. Täglich verließen etwa 8 bis 10 Frachtdampfer mit Flüchtlingen den Ort. Es war ungeheuer schwer, auf eines der Schiffe zu kommen. Die Männer wurden alle, auch die ältesten, für den Volkssturm requiriert, wenn sie nicht von diesem einen Befreiungsschein erhielten. Die Gebäude des Ortes waren in allen Räumen mit Flucht-


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lingen über und über belegt, so daß auf kleinstem Raum 15 bis 20 Menschen auf dem Fußboden lagen. Die über die Nehrung neu ankommenden Flüchtlinge wurden nun weiter ins Hinterland abtransportiert nach Fischhausen und bis nach Palmnicken. Von ihnen ist ein großer Teil später dort umgekommen oder den anstürmenden Russen in die Hände gefallen. Alle Flüchtlinge, die mit Pferdefuhrwerken auf der Spitze der Nehrung in Neutief — gegenüber Pillau — ankamen, mußten ihre Pferde und Wagen dort einfach stehen lassen, so sah man viele herrenlose Pferde auf der Nehrung herumirren.

Der Andrang zu den Dampfern war ungeheuer, die Unterbringung auf diesen demzufolge menschenunwürdig. Da die Fahrt oft mehrere Tage dauerte, kamen in den großen Bunkerräumen, in die die Menschen hineingepfercht wurden, auf den Transporten auch öfter mehrere ums Leben. Auch bei der Unterbringung auf den Schiffen fand durch die Partei- und sonstige Stellen manche Begünstigung statt, ebenso räumten die Schiffsbesatzungen gegen Geld und Sachwerte Vorzüge ein; Die meisten Schiffe aus Pillau fuhren nur bis Danzig und wurden dort ausgeladen, wo dann die Flüchtlinge 4 Tage später denselben Kampf auf Tod und Leben ausfechten mußten, um einen Platz auf einem Dampfer zu erkämpfen, der sie vor dem Eindringen der Russen weiterbringen sollte ins Reich. In den verschiedenen Baracken, etwa in Neufahrwasser, warteten ca. 30 bis 40 000 Menschen auf den Abtransport und hatten kaum Hoffnung wegzukommen. Pillau wurde mehrfach von Fliegern angegriffen, wo es viele Tote gab. Bei den Transporten über See sind einige Schiffe aus den Geleitzügen heraus durch russische U-Boote versenkt worden, darunter die „Gustloff„ und „General Steuben”, wobei viele Tausend Menschen den Tod fanden.1) Auf dem einen Schiffe befanden sich sieben Königsberger Pfarrer mit ihren Familien. Auf dem Kohlenschiff, auf dem wir Unterkunft fanden, war z. B. für ca. 3000 Passagiere nur ein Abort vorhanden, dabei waren wir 5 Tage und Nächte unterwegs, bis wir nach abenteuerlicher Fahrt in Saßnitz auf Rügen ausgeladen wurden. Hier legte am gleichen Tage ein Salondampfer aus Danzig an, der Parteigenossen mit ihrem Anhang nach Saßnitz brachte, die in guter Kleidung mit viel Gepäck und schönen Kabinen die Fahrt gemacht hatten. Selbst Fahrräder und ähnliche Sachen führten sie mit sich, während in Pillau unzählige Frauen und Kinder wegen Überfüllung der Dampfer zurückbleiben mußten. Während der Fahrt auf See mußte unser Geleitzug noch einmal in die schützende Bucht bei Hela zurück, da ein Angriff russischer U-Boote auf Einheiten dieses Geleits stattfand.

Die Flüchtlingszüge, die von Saßnitz abgingen, wurden auf die einzelnen Länder verteilt, hauptsächlich auf Schleswig-Holstein, wahrscheinlich je nach Zahl und Möglichkeit der Unterbringung. Wir wurden nach Glashütte, Kreis Stormarn, gebracht, wobei der Parteiapparat bei der Verteilung der Flüchtlinge auf Glashütte wieder unangenehm in Erscheinung trat. Aber auch die Kirche mit ihren Pfarrern brachte nicht das Verständnis auf, das man von ihr und ihnen für den Flüchtlingsstrom der Armen und Ärmsten erwarten sollte.


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